Immer wieder ruhiggestellt

 

Eines Tages, meine Mutter hatte mich wieder mit nach oben ins Schlafzimmer genommen, wo sie Betten machen wollte. Alleine konnte sie mich ja nicht unten in der Stube lassen, da ich -wie sie sagte- immer nur Blödsinn im Kopf hätte.

Da hörten wir plötzlich Reifen quietschen – Hundejaulen, meine Mutter rannte die Treppe runter, ohne an mich zu denken und öffnete die Haustür.

Draußen stand ein Auto, und ein Fahrer daneben, der auf den toten Hund unter seinem rechten Vorderrad schaute. Waldine war in den Hundehimmel aufgestiegen. Meine Mutter war tagelang am Boden zerstört, sprach nicht, aß nicht und weinte nur. Ich hab sie so oft umarmen und trösten wollen, wie Kinder das nun mal machen mit ihrer Mami, aber sie schubste mich immer weg: „Hau ab und laß mich in Ruhe!“ Omi nahm mich dann zu sich und tröstete mich, denn sie merkte, daß auch ich traurig war, oft am Körbchen von Waldine hockte und die leere Decke darin streichelte.

 

Draußen auf dem Hof und Grundstück gab es ja noch einen großen Hund – eine Schäferhündin, die den kuriosen Namen AMSEL trug. Mit ihr bin ich nie so warm geworden, obwohl auch sie immer meine Nähe suchte, wenn ich mal draußen sein durfte. Denn soweit es möglich war, hat das meine Mutter unterbunden, weil ich mich ja dann schmutzig machen würde und sie waschen müßte. Und das war schon mal gar nicht ihr Ding. Sie meinte: „Unsere Christine braucht nur die Klinke von Innen in die Hand zu nehmen, da ist das Wanst schon dreckig. An der klebt jedes Staubkorn.“ Aber das war doch auch kein Wunder, schließlich waren wir ja nur 250m Luftlinie von der Brikettfabrik entfernt. Und wenn der Wind ungünstig stand … da hing man manchmal weiße Wäsche raus – eine Winddrehung – und nahm sie schwarzbraun wieder ab. Das hieß dann: alles noch einmal waschen.

Unsere Waschküche bestand ja aus einem gesetzten Waschkessel, zwei Holzdreiböcken, auf dem eine Aluminiumwanne mit einem Waschbrett stand und eine große schlanke Zinkbadewanne, in welcher wir auch am Wochenende badeten. Im Sommer zog meine Mutter diese Wanne auf den Hof, machte etwas Wasser hinein und ließ mich darin panschen. Naja, war auch langweilig. Ich organisierte mir also ein leeres Einweckglas und schöpfte damit … erst ein ganz klein bischen, dann ein bischen, dann immer mehr... Wasser aus der Wanne auf die Steine im Hof. Meine Mutter war mit der Wäsche beschäftigt und schaute nicht nach mir – bis sie es knallen und mich schreien hörte.

Es war voraus zu sehen, daß mir das Glas, je voller ich es machte, auch mal aus den kleinen Händen rutschen mußte. Und so war es auch. Nur der Nachteil daran war, daß ich mit einem Bein ja in der Wanne stand und mit dem anderen draußen – wegen dem Schöpfen, des Gleichgewichts und so...

Dann rutschte mir das volle Glas aus der Hand, fiel gegen den Wannenrand, bekam Schwung und mir auf den großen Zeh. Allerdings an dem Bein, welches draußen stand. Und so hatte ich unter dem Zehnagel quer eine ganz schöne Lasche und noch eine Scherbe drin.

Wieder war es mein Vater, der über den großen Hof aus der Werkstatt gerannt kam. Sah mich, meinen Fuß, das Blut und hörte, wie meine Mutter sagte: „Wer nicht hören will, muß fühlen.“ Und wieder war er es, der mich ins Auto packte und ins Krankenhaus um die Ecke fuhr. Die Schnittwunde war so, daß man klammern mußte. Und somit war meine Mutter wieder sonnigen Gemühts: „Jetzt kann sie wenigstens für ein paar Tage mal wieder keinen Blödsinn machen.“ Ich erinnere mich noch daran, daß ich sie da mal ganz böse angeschaut habe. Für so einen Satz hatte ich ja absolut gar kein Verständnis. Ich – und Blödsinn machen. Nie!

Wie viele Kinder, lief auch ich anfangs – so eine Arztaussage – über den großen Onkel. Aber dessen nicht genug. Der Doktor meinte, ich hätte Knickfuß – Senkfuß – Plattfuß - X-Beine und O-Beine und daher müßte alles für ein halbes Jahr in Gipsstiefel. Gesagt – getan und meine Mutter war wieder eine Sorge los. Denn es war Sommer und ich war nur sehr schwer drin in dern Wohnung zu halten … also raus und dreckig machen. Und das mußte aber unterbunden werden. Und zwar sofort! Omi nahm mich wenigstens immer mit nach nebenan auf dein Friedhof, wenn sie Opas Grab gießen ging. Unseren Garten trennte ja nur ein Zaun vom Friedhof. Manchmal im Sommer, wenn wir nachts die Fenster aufhatten, lief da immer ein Mann mit der Geige rum und fiedelte. So sehr meine Eltern darüber auch den Kopf schüttelten und schimpften, ich für meinen Teil sagte immer: „Ich finde es schön, wenn er den Toten ein Lied spielt. Die freuen sich bestimmt darüber.“ Meine Eltern schüttelten noch mehr den Kopf – jetzt über mich. Mir das zu erklären war aber zwecklos, denn ich war davon überzeugt, die Toten würden das verstehen.

Schon zu dieser Zeit bekam ich dann von meinen Eltern einen Spruch aufgedrückt, der mich ebenfalls bis heute durch mein ganzes Leben begleitet hat:

Was bei anderen Menschen normal ist,

ist bei unserer Christine noch längst nicht normal!

 

Oma sagte dann immer, daß sie ja so recht hätten mit diesem Spruch, was sie dann wiederum überhaupt nicht verstanden. Ich auch nicht.