Kapitel 3

 

Eine Idee wird geboren

 

Ich war dreieinhalb Jahre alt, als Vater wieder zur Kur in Bad Liebenstein war. Meine Eltern hatten beschlossen, daß Mutter mit mir in der letzten Woche nachkommt und in einer Privatpension wohnt, die Vater dort schon ausgemacht hatte. Ich kann mich noch genau an das Dachstübl erinnern, unter dessen Fenster mein Bett stand. Jeden Morgen weckte mich die Sonne mit ihren warmen Strahlen. Dann frühstückten wir und gingen zum Kurheim. Dort konnte ich mit Vater dann auch von diesem - für mich scheußlichen - Brunnenwasser trinken. Ich verstand damals überhaupt nicht, wozu das gesund sein sollte, was so grausig schmeckt. Aber Omi hat ja auch immer gesagt, wenn ich bei Krankheit Medizin nehmen mußte, was nicht schmeckt, das hilft. Trotzdem verstand ich nicht, was mir das Brunnenwasser helfen sollte? Ich war doch gar nicht krank. Naja. . . .

 

 

Ich fand da im Kurheim eine gleichaltrige Gespielin und vergaß das Wasser. Sie mochte es nämlich auch nicht. Der Park war sehr schön, wir spielten Verstecke hinter den großen Bäumen, tobten uns aus und die mahnenden Worte meiner Mutter: „Mach dich nicht dreckig!“, begleiteten mich auf Schritt und Tritt.

 

 

Eines Tages sprach Vater von einer Überraschung. Hmmm, hier im Kurheim? Was könnte das wohl sein? Ich hatte keine Ahnung und war - wie wohl alle kleinen Kinder es getan hätten – sehr aufgeregt und drängelte, es wissen zu wollen.

Vater hatte sich für den ganzen Tag im Kurheim abgemeldet, da er an diesem Tag sowieso keine Behandlungen hatte. Dann fuhren wir mit einem Bus ein ganzes Stück durch eine wunderschöne Landschaft, die sich natürlich für mich eher langweilig zeigte als interessant.

Wir stiegen wieder aus dem Bus aus, gingen ein paar Meter und plötzlich stand ich vor lauter Eseln. Einfach mal so. Und ich durfte sogar auf einem sitzen und reiten und mein Vater erklärte mir, daß wir nun zur Wartburg gehen würden und ich auf dem Esel reiten dürfe bis dort hin. Das war seine Überraschung. Ich kannte ja nur Amsel und Waldine bis dahin. Und Nachbars Hühner, wo der Hahn immer solch einen Krach machte.

So kamen wir in den Hof einer großen Burg. Ich mußte vom Esel, was mir gar nicht gefiel. Auch die Besichtigung war nicht mein Ding. Die alten Ritterrüstungen sahen komisch aus. Es war alles so groß, die Räume so hoch und es war kalt. Naja, draußen war dann wieder die warme Sonne. Viele Menschen waren dort und immer mehr kamen. Alle wollten diese Wartburg sehen. Mein Vater unterhielt sich mit dem Burgführer ganz lange. Meine Mutter wurde wegen mir schon etwas ungeduldig. Aber: was lange währt wird gut und so fand auch Vater mal ein Gesprächsende und wir begannen den Rückweg zum Kurheim. Den Esel hätte ich am liebsten mitgenommen. Der war ja so was von lieb und ließ sich von mir zum Abschied sogar drücken. „Christine, bist du närrisch, wenn der dich beißt!“, rief meine Mutter entsetzt und zog mich weg. „Nein, macht er nicht. Er ist doch lieb!“, sagte ich und machte mich von ihrer Hand frei, um den Esel noch einmal zu streicheln. Ob sie nicht eher gedacht hat, ich könnte mir mein weißes Kleidchen beschmutzen???

Auf der Rückfahrt zum Kurheim war mein Vater im Bus ganz still und schaute nur aus dem Fenster. Lange war er ruhig, sagte nichts mehr.

Nach dem Abendbrot ging Mutter mit mir wieder in die Pension und zu Bett. Sie war auch ganz schön groggy. Konnte ich ja auch verstehen. Sonst immer daheim und nun plötzlich Berg runter, Berg rauf, Vater zuhören, dann der Esel und auf mich aufpassen. Das mußte sicherlich für sie streßig sein – dachte meine kleine Kinderseele. Aus ihrem Bett kam nur ein „gute Nacht, schlaf gut“ und dann war Stille im Raum. Ich schlief auch gleich ein.

 

Am nächsten Tag, nach dem Frühstück in der Pension, gingen wir wieder ins Kurheim. Es war ja immer der selbe Weg und so lief ich schon mal vorneweg. „Paß auf, geh langsam, fall` nicht hin, mach dich nicht gleich schon früh schmutzig“ … klangen Mutters Worte hinterher. Ach was, ich doch nicht …

Vater erwartete uns bereits. Er hatte seine erste Behandlung schon hinter sich und wollte sich unbedingt mit meiner Mutter unterhalten. Es waren so viele Gedanken in seinem Kopf und die nahmen immer mehr Gestalt an und er wollte die Meinung meiner Mutter dazu wissen. Und so erzählte er:

Christa, mir ist gestern eine Idee gekommen, die uns viel mehr Geld einbringen könnte. Hör mal. Du hast doch gesehen, wie viele Menschen sich hier die Wartburg ansehen. Was hältst du davon, wenn wir den LKW zu einem Bus umbauen und Reisen anbieten. Es gibt ja nicht nur die Wartburg zum ansehen. So Vieles wird jetzt wieder aufgebaut, entsteht neu und wartet auf Besucher. Aber auch Altes ist sehenswert, wie hier. Was hältst du davon, wenn wir mit Mutti reden und sie davon überzeugen? Wenn ich ein gutes Konzept mache und die Sparkasse auch mitspielt? Dann brauchst du dich nicht mehr mit den Kohlesäcken rumplagen und es würde garantiert mehr Geld einbringen.“

Aja, keine Kohlesäcke mehr und dafür mehr Geld? Das klang in Christas Ohren wie Musik. Sie hatte zwar nicht die geringste Vorstellung, was da auf sie zukam, aber für Geld hatte sie schon immer eine Schwäche.

Günther, das wird aber nicht leicht, Mutti davon zu überzeugen. Natürlich werde ich sie auch in die Mangel nehmen. Denn ich bin mir sicher, daß sie erst einmal Nein sagen und ein Konzept von dir wird haben wollen. Aber sie hat doch bisher auch eingelenkt, als sie gesehen hat, wie du mit dem LKW das Geld hast fließen lassen. Versuchen wirs. Mach aber erst mal ein grobes Konzept auf Papier, daß du ihr was vorlegen kannst.“

Noch während der Kur brachte dann Vater alles handschriftlich zu Papier. Er war so begeistert von seiner Idee, daß er sich nicht vorstellen konnte, daß es Andere nicht sein könnten.

 

Dann kam der große Augenblick. Die Kur war zu Ende und wir fuhren wieder heim. Schippchen brachte uns wohlbehalten zur Haltestelle „Klettwitz Krankenhaus“ und Omi wartete schon auf uns.

Während ich mich erst einmal ausgiebig mit Waldine auf dem Teppich austobte, nahm mein Vater sofort die Gelegenheit wahr und überfiel Omi regelrecht mit seiner Idee. Er konnte sich nicht beherrschen, er war so davon überzeugt, sprach von anderen Sehenswürdigkeiten, vom Aufbau des Busses, von mehreren Bussen, einem zukünftigen Reiseunternehmen mit sogar Angestellten. Bis Omi ihn unsanft bremste und laut und energisch „Halt – stop“ sagte, daß selbst ich im spielen mit Waldine inne hielt. Aber ich wendete mich gleich wieder ab, denn nun begannen sie da Dinge zu reden, die ich gar nicht verstand. Es entbrannte ein richtiges kämpferisches Wortgefecht. Laut und leise, dann Ruhe, dann plötzlich wieder Bitten von Vater und Omis harrsches Nein. Bis dann auf einmal meine Mutter dazwischen funkte. Und dazwischenfunken verstand und konnte sie sehr gut. Omi und Vater waren erst mal ruhig. Naja, Mutter ließ ihnen ja auch keine andere Wahl. Sie donnerte los – auf Omi ein und fragte, wie lange sie denn noch so rumwurschteln wolle. Sie hätten doch Haus und Hof behalten und wollten nun mehr draus machen. Oder was sie denn tatsächlich wolle. Damit hatte Omi wohl nicht gerechnet. Ihre Tochter zeigte eine ganz andere Seite, die sie überhaupt nicht an ihr kannte und sie bekam so erst recht ihre Zweifel.

Jedenfalls mußte sie sich überfahren gefühlt haben und den Eindruck, daß man ihr jetzt alles aus der Hand nehmen wollte. Sie wollte einfach noch einmal darüber nachdenken und beendete abrupt das Ganze, stand auf und ging aus der Stube.

Vater und Mutter schauten sich an – waren sich einig: Reisebus her – LKW weg – egal wie. Vater machte eine Karosseriefirma in Königswartha ausfindig. Absprachen erfolgten. Das Fahrgestell vom LKW könne für den Busaufbau genommen werden... usw.

Doch die Schwiegermutter schien taubstumm geworden zu sein. Keiner dachte darüber nach, daß sie ja vielleicht mit so einer Vorstellung völlig überfordert war? Sich das alles gar nicht vorstellen konnte? Soviel Geld ja noch nie in ihrem Leben auch nur in den Mund genommen wurde?

Und Schulden – mit ihr niemals!!

Günther hatte inzwischen mit der Karosseriefirma soweit alles perfekt gemacht. Nun nahm er allen Mut zusammen und versuchte ein erneutes Gespräch herbei zu führen. Endlich willigte die Schwiegermutter ein und fuhr mit ihm zur Sparkasse. Dort legte er sein Konzept vor, auch den Kostenvoranschlag von der Karosseriefirma und siehe da: die Sparkasse nahm das Konzept an und der Kredit stand. Warum auch nicht. Es hatte sich ja mit dem LKW schon bewiesen, daß Günther verstand, Nägel mit Köpfen zu machen. Und schlecht hat dabei noch nie eine Bank verdient. Das wollen wir doch heute mal klar stellen. Nur mit dem Unterschied, daß damals noch ein halbwegs vernünftiges Geben und Nehmen stattfand. Was heute leider in Raffgier ohne Ende ausartet und die Menschen kaputt macht, die doch nur Hilfe brauchen. Das sollte mein Vater dann ja auch vor seinem Tod selbst erfahren – an gleicher Stelle.

 

Für OGS -Obst-Gemüse-Speisekartoffeln- war es natürlich ein herber Verlust, daß Günther sich zurückzog. Aber man wünschte ihm Glück für sein Unterfangen.

Der ERSTE BUS war gebaut! Und es ist seine eigene Handschrift auf der Rückseite des Fotos, die mit abgebildet ist. Er war stolz auf sein Werk und er wollte Tag und Nacht arbeiten – mehr schaffen – mehr Menschen glücklich machen, den Krieg mit all seinen Abscheulickeiten vergessen lassen. So wie er es sich auf der Heimfahrt von der Gefangenschaft geschworen hat. Überall gab es Trümmerfrauen, Aufräumarbeiten, neue Gewerke entstanden und viele arbeiteten aus der ganzen Region in der Kohlefabrik IMPULS in Senftenberg.

Günther hatte bei aller Euphorie nicht bedacht, daß die Menschen ja noch gar kein Geld ausreichend hatten, um die Reisen auch bezahlen zu können. Das machte ihn zwar sehr traurig, denn er wollte, daß sie ja alle den Krieg so schnell wie möglich vergessen sollten. Aber er sah andererseits die Notwendigkeit des Wiederaufbaus. Damit bot er seinen Bus für die Arbeiter an. Es wurden Haltestellen geschaffen und die Menschen von ihm zur Arbeit und wieder nach Hause gefahren. Man verhandelte mit den Betrieben über den Preis und los gings. Da war alles noch recht unkompliziert.

Als man sich langsam wieder erholte, begannen auch die kleinen Ausflüge interessant zu werden. Anfangs waren es Dorfgemeinschaften, Brigaden aus den Betrieben und Vereine. Wartburg – Moritzburg – Oybin – Dresden – Berlin – Kirnitschthal – Spreewald …. Günther entdeckte immer mehr, was er an Sehenswürdigkeiten im Umkreis anbieten konnte.

Und er machte es sich zur Maxime: Nichts, was ER nicht vorher gesehen und für gut befunden hat, kam in sein Reiseangebot. Das wurde zu seinem Markenzeichen.

Und noch etwas wurde zu seinem Markenzeichen:

 

NIEDERLAUSITZER!

 

So wollte er seinen Bus nennen – sein Unternehmen nennen. Denn hier war und ist die Niederlausitz und diese Gegend wollte er bekannt machen. Überall sollte man sehen, woher die Menschen, woher dieser Bus kam.

 

Aber auch auf dem Hof mußte etwas getan werden, denn er war ja nur Sand, Kohlenstaub und Erde. Das war schon mit dem LKW problematisch und eine richtige Garage mußte auch her. Manchmal wußte man wirklich nicht, war das nun ein Busbetrieb oder ein Baubetrieb. Beides lief oft parallel. Günther schaffte unermüdlich.