Kapitel 2

 

Christine

Ich bin in einer Vollmondnacht im November 1950 geboren. Und ich habe keine Ahnung, wie oft ich in meinem bisherigen Leben gesagt habe: „Auch das noch.“ Und irgendwie muß ich das alles auch geahnt haben, daß ich nicht zur Welt kommen wollte, aber dennoch mußte. Es gab kein Zurück mehr.

Da wir uns ja alle nur bis zum 3. Lebensjahr zurückerinnern können, kann ich also die ersten drei Jahre nur aus Erzählungen wiedergeben. Da aber doch gravierende Dinge geschahen, will ich sie nicht verschweigen.

 

Meine Mutter war froh, daß ihre Mutter und Großmutter sich sehr um mich kümmerten. Doch ihre Mutter war streng und sah nicht ein, daß Christa ihr Kind einfach so abschieben konnte. Sie merkte schon das Desinteresse ihrer Tochter an dem kleinen Mädchen und es tat ihr sehr leid.

 

Während sie ihrem Taxigewerbe nachgehen mußte, war dann ihre Mutter – meine Uroma – für mich da. Je älter ich wurde, umso mehr suchte ich auch Omas Nähe. Sie schenkte mir auch ein Spruch-Bild und ließ es meinen Vater über meinem Bett aufhängen. Da drauf war ein kleiner Engel zu sehen, der zwei goldene Sterne an zwei dünnen Stöcken hielt und darunter stand:

In meinem Bettchen schlafe ich

ein Engelein beschützet mich

Es bringt mir aus der weiten Ferne

zwei schöne gold´ne Himmelssterne.

 

Später betete ich jeden Abend diesen kleinen Spruch – kann ich mich erinnern. Und hatte immer das Gefühl, dieser kleine Engel war bei mir.

 

Für meine Mutter aber war es wohl eine ungewollte Umstellung, so plötzlich ein Kind zu haben. Noch dazu, wo sie es gar nicht wollte.

Eines Tages – so erzählte man mir – hatte ich wieder die Windel voll, was ja bei so kleinen Wesen eigentlich ganz normal ist. Für meine Mutter aber wohl nicht? Sie hatte Besuch und diese Bekannte schaute ihr nun zu, wie sie mir die Windeln wechseln würde. Gesagt – getan.

Meine Mutter zog die Höschen runter, öffnete die Windelhose, machte die Windel auf …. es stank fürchterlich und war wohl an breiiger Masse nicht zu überbieten.

Da bekam meine Mutter einen hysterischen Wutanfall – wie ich noch viele erleben sollte - und ich flog mit einer rasanten Handbewegung und den Worten:“ Ich will das Balg nicht!“ vom Tisch in die nahe Zimmerecke.

Gerade in diesem Moment, als ich wohl auch anfing aus Leibeskräften zu schreien, kam mein Vater zur Tür rein. Sofort schubste er meine Mutter ungehalten zur Seite, nahm mir die volle Windel -die ja mitgeflogen war- ab, reinigte mir notdürftig den Hintern, wickelte das Handtuch drum und fuhr mit mir ins nahe Krankenhaus. Mein Becken hatte einen Knacks bekommen und so war das Ende vom Lied: nun mußte meine Mutter mich ein Vierteljahr im Froschgips umher tragen. Das hieß aber noch lange nicht, daß sie das auch tat. Schließlich konnte ich ja auch alleine liegen und nicht vom Fleck.

 

Oma erzählte mir oft, daß ich ein sehr aufgewecktes Kind war, sehr früh laufen lernte und eigentlich nichts vor mir sicher war. Und ich konnte Löcher in den Bauch fragen. Was hatte doch Oma für eine Geduld.

 

Doch ab und zu mußte sie auch mal in ihr Haus nach Senftenberg II fahren. Dort waren ja noch mehr ihrer Kinder und Enkel, die auch auf sie warteten. Dann war Omi für mich da. Keine Ahnung, wer sich das so ausgedacht hatte, aber so konnten wir immer alle unterscheiden: Mami – Omi – Oma, so die Rangfolge der Mütter.

Omi war von kräftiger Statur mit sehr großer Oberweite. Ich erinnere mich genau. Ich hatte sicherlich wieder etwas angestellt, oder nicht gehört – keine Ahnung – da wollte mir meine Mutter mal wieder eine Ohrfeige verpassen. Ich rannte durch die Stube, in die Küche, zu Omi. Unter ihrer großen Oberweite hatte ich Schutz – sie hielt mich fest, holte aus und als meine Mutter tobend um die Ecke kam, bekam sie eine Ohrfeige mit den Worten: „Höre endlich auf das Kind zu schlagen. Sonst kannst du was erleben. Das kann nichts für deine Allüren!“ Diese Szene werde ich nie vergessen. Es ist die erste Erinnerung in meinem dritten Lebensjahr.